Statement über Anklagen und Enthüllungen wegen Missbrauchs am Maristeninternat in Mindelheim
Während der letzten zwei Monaten gab es viele Anklagen und Enthüllungen über Missbrauch, der sich im Maristeninternat in Mindelheim ereignet hat. Als Maristenbrüdern bedauern wir zutiefst, dass es solche Missbrauchsfälle gegeben hat. Ein solches Verhalten widerspricht zutiefst den Werten und Zielen der Maristenbrüder. In zurückliegenden Statements sagte ich, dass ich ganz offen und transparent für alles sein möchte, was in der Vergangenheit geschah. Dies ist notwendig, damit wir den Opfern Zuwendung und Glauben schenken können und damit sich die Verantwortlichen bei den Maristenbrüdern und bei den staatlichen Stellen angemessen befassen können. Außerdem ist es wichtig, dass das Maristeninternat, nachdem diese unerfreulichen Ereignisse aufgearbeitet und zu Ende gebracht wurden, einen frischen Neustart machen kann.
Bevor ich sagen kann, was wir über Missbrauch in der Vergangenheit wissen, möchte ich nochmals mein größtes und tiefstes Bedauern über das, was geschehen ist, ausdrücken und allen, die in irgendeiner Weise missbraucht wurden oder die im Maristeninternat durch ein Klima von ungesunden Beziehungen zwischen Schülern und Erziehern betroffen sind, um herzliche, aufrichtige Entschuldigung bitten.
60er Jahre
In den letzten zwei Monaten haben wir glaubwürdige Anschuldigungen über sexuellen Missbrauch erhalten, der am Maristeninternat in den sechziger Jahren geschehen ist. Selbst wenn diese Anschuldigungen mehr als vierzig Jahre zurückliegen, möchte ich nicht die Wirkung unterschätzen, dass sich ein solches Verhalten auf das persönliche Leben und die persönliche Entwicklung auswirkt. Es gab auch Anklagen wegen körperlicher Gewalt, die in diesen Jahren angewendet wurde. Wenn jemand in dieser Zeit Opfer solcher sexuellen oder physischer Gewalt wurde, möchte ich dazu ermuntern, diese Information an die staatlichen Behörden (siehe unten) zu geben, und, wenn die betreffende Person es möchte, mit mir persönlichen Kontakt aufzunehmen.
70er Jahre
Nach meinem Wissensstand gibt es keine Anschuldigungen oder Berichte über Missbrauch in dieser Zeit.
80er Jahre
Ein Bericht im Spiegel (Der Spiegel, 8/2010) informierte über einen weltlichen Erzieher, der im Internat zwischen 1981 - 1984 gearbeitet hat. Einige ehemalige Internatsschüler sprachen über ein unangemessenes Verhalten dieses Mannes. Mir wurde versichert, dass die Brüder über dieses damalige Verhalten nichts wussten. Es gab aber auch eine Anschuldigung über ein unangemssenes sexuelles Verhalten gegen einen Frater, der in den frühen 80er Jahren als Erzieher gearbeitet hat. Wenn jemand mehr Informationen hat, dann bitte ich, den Staatsanwalt zu informieren, so dass die entsprechenden Behörden eine Untersuchung beginnen können.
Es gab auch eine Anzahl von Personen, die über körperliche Gewaltanwendung in dieser Zeit berichteten. Die Erzieher, die wegen dieser Sache beschuldigt wurden, haben solchen Missbrauch energisch bestritten und boten an, sich mit jedem zu treffen, der solche Anschuldigungen machen möchte. Bis jetzt hat sich niemand gemeldet.
90er Jahre
Wir haben eine gewisse Anzahl von Anschuldigungen von nicht zu duldendem Verhalten erhalten, die sich auf unser Internat während dieser Jahre beziehen. Einige dieser Ereignisse sollen im Internat, andere in der Berghütte von Silum (Liechtenstein), die für außerschulische Aktivitäten benutzt wurde, zugetragen haben, wieder andere in der Marzellinklause bei Cham. Einige der Ehemaligen sprachen über ein Verhalten, das ihren Gefühlen widersprach, andere erzählten von Taten, die die persönlichen Grenzen überschritten und als Missbrauch empfunden wurden. Wenn jemand über solche Vorgänge weiß oder selbst für sich höchst unangenehme Vorfälle erfahren hat oder Opfer solcher Unrechtmäßigkeiten durch einen Bruder oder einen weltlichen Erzieher wurde, dann bitte ich dringend, die Information weiterzugeben. Der Direktor des Internates wurde im Jahre 2000 darauf aufmerksam gemacht, dass ein weltlicher Erzieher im Internatsteam pornographisches Material über Kinder auf seinem Computer hätte. Die Polizei strengte Untersuchungen an und dem Erzieher wurde gekündigt.
2000
Mit Beschämung erfuhren wir, dass auch der ehemalige Leiter des Internates durch unangemessenes Verhalten beschuldigt wurde. Zwei Jugendliche wandten sich im Jahre 2007 deshalb an den Provinzial, Frater Joe McKee und berichteten ihm glaubwürdige Anschuldigungen. Sie erlaubten, dass ihre Namen dem Staatsanwalt genannt werden durften. Im August 2007 wurde der Leiter mit diesen Anschuldigungen konfrontiert und sofort aus dem Internat genommen. In Absprache mit seinem Anwalt gab er diese Information an den Staatsanwalt, der Ermittlungen über diese Vorfälle veranlasste. Zu dieser Zeit wurden weder das Erzieherteam noch die Brüder in der Gemeinschaft noch die Eltern über die laufenden Ermittlungen informiert. Auch der betroffene Bruder leugnete, dass sich die Anschuldigungen ereignet hätten. Am Ende der Ermittlungen wurde dem betroffenen Leiter mitgeteilt, dass er für einen Fall Verantwortung trage. Er entschloss sich, sich schuldig zu bekennen und bekam eine zehnmonatige Strafe, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Er musste einen Sozialdienst ableisten und unsere Kongregation fand ein therapeutisches Angebot, wo er psychotherapeutische Dienste in Anspruch nahm. Die Maristenbrüder bedauern heute die Tatsache, dass wir weder das Internat noch die Eltern über diese Tatsache informierten.
Es gab seit dieser Zeit andere Anschuldigungen. Wir haben jenen, die mit uns Kontakt aufnahmen, gebeten, alle Informationen, die sie hatten, dem Staatsanwalt zu melden, der Ermittlungen anstellt. Ich habe öffentlich gesagt, dass wir alles tun möchten, um der Polizei bei ihren Ermittlungen zu helfen.
Es gab andere Anschuldigungen über aufdringliches Vorgehen mancher Erzieher, z. B. zu kontrollieren, ob Internatsschüler Unterwäsche anhaben, wenn sie zu Bett gehen. Ein ehemaliger Leiter erklärte mir, dass dies oft so geschah, dass der Schüler ganz oben am Bund seiner Schlafanzughose kontrolliert wurde, ohne auf eine unangemessene Weise aufdringlich zu werden. Nochmals sage ich, dass ich darum bitte, wenn jemand besondere Anklagen diesbezüglich gegen einen Bruder oder Erzieher hätte, sich zu melden. Sonst würde ein solches Verhalten, das zum Ablauf des Internates gehörte, falsch ausgelegt, was ungerecht gegen jene wäre, die dort in dieser Zeit gearbeitet haben.
Ich möchte mit allem Ernst sagen, dass die Maristenbrüder jedes Verhalten verabscheuen, das auf irgendeine Weise die gesunde Entwicklung der jungen Leute, die sich vertrauensvoll in unsere Obhut stellen, stören könnte. Unser Gründer war gegen jegliche körperliche Bestrafung. Auch wenn solche körperliche Züchtigung in früheren Jahren als Teil der Disziplin akzeptiert wurde, gab es niemals eine Rechtfertigung für solchen Missbrauch. Unsere Haltung gegenüber solcher körperlichen Strafe hat sich in den vergangenen Jahren geändert, aber es gab niemals einen Zusammenhang, in dem sexueller Missbrauch von Jugendlichen oder aufdringliches Verhalten, das sie als unbequem empfanden, als annehmbar angesehen wurde. Ich möchte nochmals sagen, dass ich mich ohne Vorbehalt für jeden Missbrauch entschuldige, den ein junger Mensch, der in unserem Internat eine gewisse Zeit wohnte, erlitten hat.
Die Zukunft
Die Maristenbrüder haben mit dem Kuratorium des Maristeninternats in den letzten vier Jahren zusammengearbeitet, um eine neue Art der Leitung unseres Internates aufzustellen und umzusetzen, mit klaren Vorgaben für Leitung und Verantwortlichkeit was den Träger (Provinzialrat der Maristenbrüder), den Vorsitzenden des Internatsrats (Frater Alois Engel), den Mitgliedern des Internatsrats und des Leitungsteams mit dem Internatsleiter angeht. Wir hoffen, dass all das dazu beitragen wird, ein gesundes, transparentes und wirksames Mittel für die Führung und Leitung des Internats zu schaffen.
Es gibt Pläne, das Internat neu zu strukturieren, indem man größere familiäre Einheiten von Wohngruppen schafft als die bisherigen Abteilungen. Außerdem werden Schulungen für das Leitungsteam gefordert, um gesunde Grenzen zwischen Erzieher und Internatsschüler aufzuzeigen, wie auch für den Schutz der Kinder. Dies wird auch Teil sein für alle zukünftigen Erzieher. Es wurde vorgeschlagen, dass das Erzieherteam die Hilfe eines Vermittlers bekommt, damit man gewisse Beziehungsverflechtungen rechtzeitig erkennt, die früher zu einer ungesunden Atmosphäre im Internat geführt haben könnten.
Jetzt, wo ich dieses Statement mit diesen Enthüllungen schreibe, empfinde ich eine tiefe Traurigkeit darüber, dass Menschen, denen die Sorge für Kinder und Jugendlichen anvertraut war, dieses Vertrauen missbrauchten und ihre eigenen Nöte in einer ungesunden Art gelebt haben. Ich weiß von einigen ehemaligen Schülern, dass ihr Leben von solchen Ereignissen massiv gestört ist. Andere machten unangenehme Erfahrungen, die man wohl nicht als Missbrauch definieren kann, die sich aber auf ihr Leben im Internat in Mindelheim negativ auswirkten. Solche negativen Auswirkungen hatten auch Erzieher wegen der ungesunden Atmosphäre, die manchmal herrschte, nicht weil sie in sexuellen Missbrauch involviert waren, sondern weil das Management nicht gut war. Alle diese Fakten sind sehr bedauerlich und ich hoffe aus ganzem Herzen, dass wir diese Zeit hinter uns lassen können.
Wenn jemand gerne Kontakt mit dem Staatsanwalt hätte, dann ist seine Adresse:
Herr Eisenmann
Kriminalpolizeiinspektion Memmingen
Kommissariat 1
Am Schanzmeister 2 87700 Memmingen
Tel. 08331/100-241 Fax ..-240
Email: pp-sws(dot__)memmingen(dot__)kpi(_at)polizei(dot__)bayern(dot__)de
Oder: winfried(dot__)weber02(_at)polizei(dot__)bayern(dot__)de
Ich selbst bin erreichbar unter:
Fraters Maristen
Sophiaweg 4
6523 NJ-Nijmegen
Tel. 0031/24 329 41 64
Email: provincial(_at)maristen(dot__)nl
Ich möchte hinzufügen, dass ich nicht Deutsch spreche. Wenn jemand mich in Deutsch kontaktieren will, dann wäre ich dankbar, wenn man das Email an Frater Alois Engel schreibt:
alois(dot__)engel(_at)maristen-gymnasium(dot__)de
Ich glaube, dass die schmerzlichen und erschreckenden Erfahrungen der vergangenen zwei Monate uns in eine gesündere Zukunft führen werden. Ich bin jenen sehr dankbar, die mit mir, mit Herrn Schuster, dem gegenwärtigen Leiter des Internates, mit Dr. Erhart, Schwester Dr. Beda, Frater Alois oder der Polizei geprochen haben. Ich vertraue darauf, dass mit Ihrer Zusammenarbeit diese Angelegenheiten offen und gerecht behandelt werden können und dass die Werte des heiligen Marzellin Champagnat, des Gründers der Maristenbrüder, die zur Gründung des Maristeninternates führten, weiterhin als Grundlage für die zukünftigen Entscheidungen dienen, zum Wohle der jungen Leute, die hier studieren, als auch deren Eltern.
Mit herzlichen Grüßen
Frater Brendan Geary, FMS
Provinzial